Worüber abstimmen – wenn man ja gar nicht gefragt wird?

Über die Umsetzung von Demokratie an Schulen Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“.
Und in Deutschland herrscht die Staatsform Demokratie.
So formuliert es Artikel 20, Absatz 1 unseres Grundgesetzes.
Das klingt erstmal vage, und wirkt abgehoben. Zurecht hinterfragt ihr vielleicht, was den Begriff aus einem Gesetzestext mit unserer Lebenswirklichkeit verbindet?

Kurzer Abriss: Warum genau Demokratie?
Wir haben keinen Einfluss auf die Umstände, in die wir geboren werden.
Aber das heißt nicht, dass sie uns egal sein dürfen. Es schließt sich trotzdem aus, dass wir automatisch alles darüber wissen, im Gegenteil: Wenn sich Demokratie in der Schule auf Definitionen im Sozialkundeunterricht beschränkt, lernt natürlich keine*r, was und wie man aus diesem Wissen Nutzen ziehen kann. Wo können wir lernen, selbst demokratisch zu handeln, wenn nicht in der Schule?
Schließlich stoßen die meisten von uns dort zuerst auf politische Themen – wenn nicht gerade das private Umfeld politisch aktiv ist.
Das Bedürfnis nach einer starken Demokratie begründet aber auch unsere Geschichte. Ich will an dieser Stelle keine Geschichtsstunde abhalten, aber es ist leicht verständlich, wieso wir uns damit immer noch beschäftigen.


Denn die Freiheit, an die wir uns heute schon längst gewöhnt haben, wurde beispielsweise in der Revolution von 1848, vor genau 100 Jahren mit dem Frauenwahlrecht und vor allem auch aufgrund der Erfahrungen mit der Nazi-Diktatur erkämpft –
und wenn wir sie behalten möchten, dürfen wir sie nicht fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.
Ein aktueller Blick nach Nordkorea, in die Türkei, selbst in die USA – das „freieste Land der Welt“: Ich hab eher wenig Lust, dass Deutschland auch so endet.

Also ist das Erlernen von Demokratie einerseits eine Pflicht als Bürger*in, aber vielleicht auch eine Anerkennung gegenüber derselben: der Freiheit und der Wertschätzung, die man in einer Demokratie erfährt. Und statt diese nur in Planspielen und Aktionstagen zu streifen, sollten wir sie im Schulsystem verankern.
Erst einmal müssen wir uns überlegen, was durchgesetzt werden muss, um demokratische Vorgänge (wie z. B. Wahlen) auch realistisch zu ermöglichen.  

Man wird nicht demokratisch geboren: Modellschulen für Partizipation und Demokratie
Ein wesentliches Projekt (und weitreichender als ein Planspiel) der Demokratieförderung sind die Modellschulen für Partizipation und Demokratie.
Die Umsetzung richtet sich danach, was den Schulen an Zeit, Personal und Finanzen zur Verfügung steht. Was die 36 aktiven Modellschulen sich selbst für Projekte ausgedacht haben, könnt ihr hier entdecken.
Gehört ihr auch dazu?
Wenn ja, was sind eure Erfahrungen mit dem Versuch, findet ihr die Arbeit sinnvoll?

Ihr geht nicht an eine Modellschule – okay. Trotzdem gibt es eine relativ einfache Möglichkeit, euch mehr einzubringen – den Klassenrat! Dabei geht es darum, dass die Klasse wöchentlich eine Stunde einplant, über eigene Themen wie Ereignisse oder Pläne zu sprechen. In einer Broschüre dazu steht sogar: Thema einer Diskussion kann sein, über Kriterien zur Leistungsbewertung zu sprechen! – Was wir alle auch mal öfter tun sollten. Mehr zum Klassenrat hier.

„Es darf grundsätzlich keine Rolle spielen, wer etwas sagt, sondern was gesagt wird.“
aus dem Grundsatzprogramm der LSV Rheinland-Pfalz

Natürlich bedeutet es nicht automatisch, dass mit einem Klassenrat alles demokratisch wird. Über die Art und Inhalte des Unterrichts dürfen Schüler*innen trotzdem nicht bestimmen [§25, Abs.1 SchulG] Ein Lehrplan wird so entworfen: Es gründet sich eine Lehrplankommission, die einen Entwurf macht. Dann wird der Lehrplan vom Bildungsministerium freigegeben. Dabei muss es sich natürlich an die im Schulgesetz geregelten Bildungsziele halten. Aber in sämtlichen Lehrplankommissionen habe ich noch keine Schüler*innen genannt gefunden…

Wenn wir aber gleichzeitig davon sprechen, dass Demokratie im Kern heißt, Verantwortung zu übernehmen, Schule mitzugestalten und Entscheidungen voranzubringen – widerspricht sich das nicht? Selbst bei den nicht-verpflichtenden Inhalten eines Lehrplans können Schüler*innen nicht mitreden. Die Lehrkraft gestaltet diese nach eigenem Willen und muss dabei nicht einmal Rücksicht auf die Ideen der Schüler*innen nehmen.
Sind die Ideen von Lehrkräften denn unbedingt besser, nur weil sie einen Uni-Abschluss besitzen?

Hermann Hesse formuliert spöttisch, aber passend dazu in seinem Werk „Unterm Rad“ (1906): „Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner“.  

Es geht mir einfach nur darum, dass Schüler*innen auch den Platz bekommen, zu zeigen, was sie können. Noch sind wir nämlich nicht ganz an dem Punkt, dass sie tatsächlich alle selbstbewusst und gefördert die Schule abschließen, so wie es das Schulgesetz vorschreibt. Es herrscht in vielen Köpfen immer noch die Angst davor, was nach dem Abschluss folgt und ob sie damit fertig werden.


Mir ist vollständig klar, dass irgendwo einmal angefangen werden muss, und seit zum Beispiel das Programm „Demokratie leben“ 2007 gestartet ist, sind wir weiter gekommen. Viele Leute engagieren sich, stecken Arbeit in die Projekte und Initiativen.
Das Bewusstsein für Demokratie wächst – auch bei uns Jugendlichen.
Aber immer noch gibt es fast überall schier unüberwindbare Hierarchien, Ungerechtigkeit aufgrund von sozialem Status oder Schwierigkeiten, Zugang zu Informationen zu bekommen. Aber vielleicht ist es einfach noch nicht höchste Priorität – bleibt zu wünschen, dass sich das bald ändert!

Bleibt aufgeweckt! Eure Sara

Spannende Fragen; spannende Antworten?!

Kann Schule überhaupt demokratisch sein, wenn Lehrkräfte am Ende psychologisch und rechtlich "mächtiger" sind?
Müssten sich nicht eigentlich sofort alle Schulen zu mehr Demokratie verpflichten? Ist Schule für die Schüler*innen da, oder die Schüler*innen für die Schule? Erzählt mal: habt ihr das Gefühl, ihr findet euch in der Demokratie zurecht, nur mit dem, was der Unterricht euch an die Hand gibt?

Diskutiert jetzt mit!

Klick! 🙂

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