Wir lernen, was gestern für wichtig gehalten wurde.


Über zeitgemäße Lehrpläne und die Frage nach deren Zukunft

 

In meinem ersten Artikel habe ich bereits – aus gutem Grund – bemängelt, dass Schüler*innen kein Mitbestimmungsrecht bei der Erstellung von Lehrplänen haben.
Deshalb - oder trotzdem - beschäftigen mich die Fragen: Wie kann ein guter Lehrplan aussehen?
Und: Wie wird er sich in Zukunft verändern?

Ich persönlich stellte mir während der eigenen Schulzeit oft die Frage: „Cool, ich hab was gelernt. Kann mir jemand sagen, wozu ich das brauche?“ Bei vielen Dingen dieser Liste habe ich schließlich eingesehen, wofür sie gut sind. Aber wozu kenne ich bitte die Unterscheidung von
Kreuz- und Schmetterlingsblütlern?

Einen ersten Überblick zum „Lehrplan der Zukunft“ habe ich in den Beschlüssen der LSK [Seite 17] zum Thema gefunden: Gefordert wird eine sensiblere Erinnerungskultur,  außerdem freies Bestimmen über die Anzahl der Schulstunden und Schuljahre bis zum Abschluss. Ein anderer Beschluss verlangt eine generelle Abschaffung von bestehenden Einordnungen. Dazu zählen Klassen, Schulformen und Altersstufen. So soll eine „Schule für alle“ entstehen, die ähnlich wie im finnischen Vorbild – eine Art Modulsystem in der Schule vorsieht.
Aber dazu später mehr.

Ob es irgendwann möglich ist, den eigenen Stundenplan wie Legosteine frei zusammenzubauen?

Wagen wir nochmal einen Schritt zurück. Schulfächer, die zugunsten von Modulen abgeschafft werden, werden in Rheinland-Pfalz noch für längere Zeit Zukunftsmusik bleiben.
In näherer Zukunft muss unsere Gesellschaft sich jedenfalls damit beschäftigen, welche Fächer wirklich „wichtig“ sind – und dem Auftrag der Schule entsprechen.

Hierzu ein Teil aus Absatz 2 des rheinland-pfälzischen Schulgesetzes:

„[…] [Die Schule] führt zu selbständigem Urteil, zu eigenverantwortlichem Handeln und zur Leistungsbereitschaft;
sie vermittelt Kenntnisse und Fertigkeiten mit dem Ziel, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Orientierung in der modernen Welt zu ermöglichen, Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt zu fördern sowie zur Erfüllung der Aufgaben in Staat, Gesellschaft und Beruf zu befähigen.“

Wie begreift man nun diesen Auftrag?
Da steht nicht: „Mathe, Deutsch, Englisch muss unterrichtet werden.“ So könnte man diese Ziele also auch mit Modulen oder ganz neuen Fächern erreichen.
Einer Umstrukturierung der Fächer steht das Schulgesetz
also meines Erachtens nicht im Weg.

Wieso sträuben wir uns dann so gegen eine Lehrplan-Revolution?

Als der ehemalige Landwirtschaftsminister des Bundes, Christian Schmidt, vorschlug ein neues Fach „Gesundheit“ einzuführen, fanden das erstmal viele toll.
Mit neuen Schulfächern kommen neue Studiengänge, (auch Lehramtsstudiengänge!) – also neue Arbeitsplätze, weil wir auch gut ausgebildete Lehrkräfte brauchen,
um neue Fächer kompetent zu unterrichten.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) erachtet es als sehr wichtig, das Thema Gesundheit in der Schule zu unterrichten.

Gesundheit ist selbstverständlich ein globales Thema – ist es also künftig ein Hauptfach neben Mathe, Deutsch, Englisch?

Herr Schmidt bekam Rückendeckung.
Für 91% der Befragten hätte nach einer Umfrage von Forsa
(aus dem Jahr 2016) ein neues Schulfach „Gesundheit“ den gleichen Stellenwert
wie Mathe, Deutsch und Englisch.

Aber natürlich verlangt ein zusätzliches verpflichtendes Fach auch mehr von der gesamten Schulgemeinschaft ab,
am meisten von den Schüler*innen.

Wenn jedes Fach, das gefordert wird, in den Lehrplan aufgenommen würde, könne sich das schnell zu einer 80-Stunden-Woche für Schüler*innen entwickeln, dieser Meinung ist Brunhild Kurth, ehemalige KMK-Präsidentin.

Auch eine Schülerin aus Berlin äußert sich auf „spreewild“, einem Projekt der Berliner Zeitung (BZ) ähnlich: Ihrer Meinung nach könne sich kaum jemand für zusätzliche Kurse begeistern, geschweige denn Motivation für aktive Mitarbeit finden.
Sie findet auch, dass das Gymnasium mitsamt dem Abitur nur auf eine akademische Laufbahn, also vor allem inhaltlich, vorbereiten solle – und nicht auf das ganze Leben.
„Autofahren und Zähneputzen“ müsse man schließlich auch außerhalb der Schule lernen und das passiere
„seit Generationen“ so.

Abgesehen davon kann ein Trendfach schnell wieder seine Wichtigkeit verlieren.
So kam nämlich einmal von Frau Wanka und Frau Klöckner, der Ruf nach einem Fach „Alltagswissen“.

Auch Verbände und andere Einrichtungen mischen sich hinein in das bunte Feilschen um neu zu entwickelnde Schulfächer.
Eine YouGov-Umfrage stellte heraus, dass 75% der Befragten in Deutschland sich ein Fach „Benehmen“ wünschten...


Lernen Schüler*innen etwa bald, dass die Gabel links vom Teller liegt und wie man Leute richtig begrüßt?

Durch die neuen Lebensanforderungen, den Klimawandel,
die Globalisierung und Digitalisierung, sowie die politischen Umstände sind wir dennoch gezwungen, uns zu überlegen,
wie wir Schüler*innen zukünftig bilden müssen, damit sie
in dieser Welt bestehen können.

Wir kommen nicht mehr weit, wenn Detail-Fakten statt Zusammenhänge, Auswendiglernen statt eigener Erarbeitung und Religion statt reichhaltigem IT-Unterricht auf dem Stundenplan stehen bleiben und mit uns die Entwicklung.


Wer inspiriert und ausprobiert – was läuft denn schon in der Welt?

Schauen wir uns an, wie Finnland es macht. (Ein Land, das von vielen um seine Bildungserfolge beneidet wird).
Wie gliedern die Finnen denn ihren schulischen Lehrplan, sodass alle zufrieden sind?
Und was ist bei ihnen anders als bei uns?

Sie passen alle 10 Jahre ihren Bildungsplan an. Eine letzte Neuerung aus dem Schuljahr 2016/17
nennt sich „Phenomenon-Based-Learning“ (PBL). Die Idee dahinter: Schüler*innen erwerben Wissen durch projektorientiertes Arbeiten, welches verschiedene Fächerbereiche umfasst.
Die Schulen sind verpflichtet, ihren Fächerunterricht durch PBL zu ergänzen. Jede*r Schüler*in soll mindestens eines solcher Projekte pro Jahr belegen, den Schulen gibt man viel Freiheit
bei der konkreten Ausgestaltung.

So könnte man das Thema der Französischen Revolution auch angehen: Man spricht selbstverständlich über Geschichte, gleichzeitig aber über Wirtschaft und Politik.
Französisch kann dabei praktisch und spannend gelernt (und gelehrt!) werden und schließlich
findet man in dem historischen Ereignis auch psychologische Aspekte wieder.

In Finnland betrachtet man das große Ganze und die Facetten eines Themas, statt sich auf Fächer zu beschränken.

Das System startet bei den Schüler*innen ab 16,
die die Inhalte anhand ihrer beruflichen Lebensplanung aussuchen. Bis 2020 soll es schrittweise auf alle finnischen Schulen und auch die jüngeren Schüler*innen
ausgeweitet werden. Ein Schritt dahin ist das Zusammenfinden der jungen Lernenden in Arbeitsgruppen,
die sich Themen selbst erarbeiten.

Und die Lehrkräfte? Durch Schulungen werden sie ermächtigt, neben ihren eigenen Fächern auch fachübergreifend zu lehren.

Ist das auch ein erstklassiger Entwurf für unser Land?

Es wird laut Petteri Elo, finnischer Experte für Schulreformen, schwer werden, den Plan genauso
in anderen Schulsystemen umzusetzen. Auch für Länder mit vereinheitlichten Tests,
welche sich nur auf Faktenwissen stützen, wird das Prinzip nicht gut funktionieren.

Hierzulande findet man allerdings besondere Fächer auch schon an einigen Schulen. Wie an der Balthasar-Neumann-Schule in Bruchsal: dort ist es möglich, Luft- und Raumfahrt als Fach,
sogar später als Abiturprüfungsfach zu belegen.
Wie cool ist das denn bitte für Menschen, die später Luft- und Raumfahrttechnik oder Ingenieurswesen studieren möchten?

(Mal abgesehen davon, dass die Bruchsaler Schüler*innen vielleicht tatsächliche Einblicke in das Studienfach bekommen, im Gegensatz zu anderen Schulen.)

In meiner Schullaufbahn haben wir nur in der Grundschule über Astronauten gesprochen.

In Nordrhein-Westfalen hingegen wird zum Beispiel Verbraucherbildung stärker gelehrt. Dies wurde angestoßen durch einen Beschluss der KMK, passiert aber
natürlich zu Ungunsten des Fachs „Wirtschaft“, wie es von
einigen Verbänden mit Nachdruck gefordert wird.

(Und übrigens auch von vielen Jugendlichen – 73%
der Befragten wollen laut Meinungsforschungsinstitut GfK
ein Fach „Wirtschaft“.)

Baden-Württemberg ist bisher das einzige Bundesland, das ein eigenes, thematisch klar abgegrenztes Fach „Wirtschaft“ flächendeckend eingeführt hat.

Um nun ein letztes Mal den Blick gedanklich nach Norden schweifen zu lassen:
In der „Garnes Vgs“, einer Schule in Norwegen,
kann man E-Sports als Fach belegen. Ja, ganz recht.
Gaming steht dort auf dem Stundenplan!
Zumindest als
Wahlpflichtfach – Stunden für verpflichtende Fächer fallen deshalb keine aus.

Und einfach vorm PC herumsitzen und zocken ist auch nicht alles, was eine*n dort erwartet.
Die Teamfähigkeit und -kommunikation wird getestet, genauso wie Strategie und Taktik der Schüler*innen. Auch die körperliche Gesundheit wird stark thematisiert: gesunde Ernährung, Fitnesstraining und Übungen für die Reflexe sind Teil des Fachs.

Was gespielt wird, darüber können die Schüler*innen demokratisch abstimmen und sich dann für je einen von zwei Vorschlägen entscheiden.
Ziel der knapp 30-köpfigen Gruppe ist es, als professionelles eSport-Team an einem Turnier teilzunehmen.

Es wäre schon ziemlich cool, wenn man zum Videospielen in die Schule ginge – aber dafür hat man ja Freizeit!

Wie sieht die Zukunft denn nun aus?

Nach den Streitigkeiten, denen ich während der Recherche für diesen Artikel begegnet bin, fällt es mir immer noch
ein bisschen schwer, mir eine Meinung zu bilden – einfach,
weil Zukunft schließlich deshalb Zukunft ist, weil sie eben
nicht vorhersehbar ist.

Trotzdem habe ich für mich entschieden, dass der Lehrplan der Zukunft anders sein muss!
Mehr Inhalte müssen vermittelt werden, die für das eigene Leben wichtig sind, gleichzeitig muss es mehr Platz für Ehrenamt und eigene Entfaltung, kulturelle und sportliche Aktivitäten geben.
Das klingt erstmal widersprüchlich. Aber lösen könnte man das mit einem längeren Schultag,
in dem diese „Freiheiten“ zeitlich fest eingeplant sind – oder man geht eben statt 12,5 Jahren beispielsweise 14 Jahre zur Schule. Dann dauert es vielleicht länger, bis die Schule beendet ist -
aber man hat auf dem Weg dahin die Möglichkeit, sich wirklich zu bilden und nicht nur aus-gebildet zu werden.

In diesem Sinne: Bleibt aufgeweckt!

Eure Sara

Spannende Fragen; spannende Antworten?!

Wie seht ihr das?
Was ist das verrückteste Schulfach, das es in der Zukunft geben könnte?
Findet ihr neue Fächer überflüssig oder spannend?
Denkt ihr, wir sollten es wie Finnland machen und uns von den abgegrenzten Fächern entfernen?
Wie würdet ihr es finden, mehr Zeit innerhalb der Schulzeit für Dinge wie AGs, eigene Weiterbildung, soziales oder politisches Engagement oder die Anwendung neuer Unterrichtsmethoden zu bekommen?

Diskutiert jetzt mit!

Klick! 🙂

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