Modell stehen für die Demokratie – die Schönheit der Mitbestimmung

SV-Seminar zu Projektplanung am Konrad-Adenauer-Gymnasium in Westerburg

Wild diskutierende Schüler*innen, die sich die Köpfe heiß reden und Flipcharts mit schlichten Zeichnungen versehen. Hinter mir die Tafel, vor mir Stühle und Tische.
Dazwischen Kreidestaub und schlechte Luft.
Seit 2 Jahren sitze ich das erste Mal wieder in einem Klassenraum. Wie – ob ich mein FSJ abgebrochen habe? Ach quatsch, nein.
Ich bin extra für euch in den Westerwald gereist. Warum gerade dorthin? Das kommt jetzt:


In meinem
letzten Beitrag habe ich bereits die Modellschulen für Demokratie und Partizipation vorgestellt.
Und jetzt bin ich hier am Konrad-Adenauer-Gymnasium in Westerburg – einer dieser Modellschulen und sehe mir an, was die dort so machen, um dieser Bezeichnung gerecht zu werden.
Das alles hat sich ziemlich spontan ergeben (danke nochmal an die beste Einsatzstelle, dass ihr das möglich macht!):

Wie ihr alle vielleicht mitbekommen habt, hat die erste rheinland-pfälzische Peer-Berater*innen Ausbildung letzte Woche in Koblenz erfolgreich stattgefunden. Im Zuge dessen entstand auch das Seminar am KAG, das Teil der schuleigenen „Klassensprecherausbildung“ ist. Alle zwei Jahre findet sie im Wechsel mit dem „Schulparlament“ statt. Cool, ne?

Nun ja, jedenfalls wurde also für die Stufen- und Klassensprecher*innen von der 5. bis zur 13. Klasse das gerade erwähnte SV-Seminar angeboten, bei dem es darum ging, Projektmanagement kennenzulernen - also die Kunst, etwas zu organisieren, damit es am Ende auch glatt läuft. (Was gar nicht einfach ist, wenn man sowas nie zuvor gemacht hat!)

Und weil vor Ort ziemlich coole Verbindungslehrkräfte arbeiten und zwei sehr aufgeschlossene Seminarleitende vom SVB mich nett empfangen haben, konnte ich mal reinschnuppern und mich wie eine richtige Reporterin fühlen.

Und wie steht es um die Aufregung bei den Teamenden?
Jette Nietzard winkt ab: „Ich hatte eigentlich noch nie wirklich Probleme, vor Menschen zu sprechen – und mit der Zeit hat man so viel Übung darin.“
Die erfahrene SV-Berater*in aus Berlin ist entspannt heute.

Jonas Witzenhausen, ihr Co-Teamer, ist da skeptischer: „Nee, Referate hab ich gehasst. Und nach meiner SVB-Ausbildung habe ich erstmal Zeit gebraucht, bis ich mich so sicher gefühlt habe, wie ich es heute bin. Anfangs habe ich am Tag vor den Seminaren noch stundenlang alles durchgespielt. Aber man lernt, mit Patzern umzugehen und sich nicht mehr so unnötig zu stressen.“
Die beiden machen ihre Sache klasse, finde ich.

Während des Seminars achten Jette und Jonas stets darauf, zu Abstimmung und Diskussion zu ermutigen, und haben dazu auch eine Kommunikationsregel eingeführt:
Wenn man direkt widersprechen bzw. eine Diskussion zum Beitrag des*der Vorredner*in eröffnen möchte, hält man zwei Finger in die Luft.

Die einzelnen Stufen suchen sich verschiedene Themen:
Die Unter- und Mittelstufe plant beispielhaft die nächste Klassenfahrt und spricht auch darüber, an welchen Stellen Schüler*innen mehr Mitbestimmung im Prozess ermöglicht werden soll.
So möchten sie über Regeln abstimmen, die für alle gelten sollen, statt sie nur von der Lehrkraft gezeigt zu bekommen. Genauso kann die Wahl des Ausflugszieles von Schüler*innen selbst verantwortet werden.
Die 9. und 10. Klassen überlegen, wie sie ihren Abschluss gebührend beim Zelten feiern wollen. Dafür muss erstmal geplant werden, aber das ist nicht schlimm - denn sie freuen sich, endlich mal was zu sagen zu haben – und sind natürlich motiviert!
Ob sich von dieser Idee nicht die ein oder andere Lehrkraft anstecken lässt?

Die Berater*innen arbeiten mit Vorschlägen, weil sie „definitiv keine Lehrkräfte sind“ und auf einer Augenhöhe mit den Teilnehmenden bleiben. Schließlich können sie von denen ebenso lernen.

Eine Schülerin der 5. Klasse stimmt mit der Idee überein: „Es ist bestimmt sinnvoll [den Maßnahmenplan zu haben], wenn wir mal was mit der Klasse planen.“

Jette hat Erfahrung im Leiten von Seminaren. Ihr gefällt es, dass in ihrem Verein mit „Bausteinen“ gearbeitet wird, die man flexibel kombinieren kann – denn sie ist überzeugt, dass eine Methode nicht immer für alle Gruppen gleich gut passen muss.
Dass sie die Freiheit hat, über die Umsetzung vorher zu entscheiden, schätzt sie.


Neben dem Workshop des SVB hat das SV-Team der Schule in Zusammenarbeit mit den Verbindungslehrkräften Frau Wasem und Herr Schran noch andere wichtige Workshops erarbeitet:

Wie steht es um die Demokratie in der Schule? Auf Skalen haben die Schüler*innen Punkte verteilt, wie gut oder schlecht es um verschiedene Faktoren an der Schule bestellt ist. Darunter zum Beispiel, ob Lehrkräfte sich um guten Unterricht bemühen, wie das Lernen für alle funktioniert, und wie das Klassen- / und Schulklima bewertet wird.
Einige Gruppen ähneln sich stark in ihrer Bewertung, aber tragen später selbstbewusst Wünsche an die SV heran. So fordern sie zum Beispiel, dass die Unterstufe mehr (in die SV) integriert werden soll, und dass der Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule erleichtert bzw. besser begleitet werden müsse.

So sieht das auch Frau Wasem: „Es ist unser Plan, die SV mehr zu öffnen. Wir haben die Tradition, nur Schüler*innen aus der Oberstufe in der SV mitarbeiten zu lassen, aber das wollen wir ändern. Auch die unteren Stufen haben ihre eigenen, guten Ideen und eine besondere Herangehensweise.“

 

Die Gruppe ist konzentriert

Außerdem steht noch Teambuilding auf dem Plan, wo mithilfe von Rollenspiel und Fallbeispielen herausgearbeitet wird, was ein*e gute*r Moderator*in benötigt; Neutralität und Empathie zum Beispiel.
Auch mit Vorurteilen setzt sich die Gruppe auseinander, denn Diskriminierung ist out.
So verstehe ich die Message aus dem Workshop „Mit Vorurteilen umgehen“.

Die Teilnehmenden haben Spaß, ich merke, wie selbst die Stilleren sich an der Diskussion um die Tische herum beteiligen und es cool finden, was hier passiert.
Ob sie sich denken „Puh, wenigstens besser als Unterricht“? Das glaube ich nicht, denn sie scheinen  sich ernsthaft Gedanken zu machen.


Eindrücke der Arbeit

Jette und Jonas vermitteln wertschätzend, wie wichtig es ist, zu diskutieren, aber dass sich auch niemand gezwungen fühlen muss, dies zu tun.

Und die SV-Berater*innenausbildung? Ist so etwas denn wirklich notwendig, fragen sich vielleicht einige.
Ja! Es befähigt die Teamenden dazu, eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen und sich währenddessen Wissen und Fähigkeiten anzueignen.

Jonas erzählt mir, dass er sich früher eigentlich gar nicht für Politik interessiert hat und von einem Kumpel zur Ausbildung überredet wurde, der im Kreisschülerrat (so heißt die Kreis-/Stadt-SV in Hessen) saß.
Die Augen des SV-Beraters leuchten: „Und dann kam ich von dieser Ausbildung zurück und war ein völlig anderer Mensch.“

Im Koalitionsvertrag des Landes Rheinland-Pfalz steht folgendes: „Wir fördern [die] aktive Partizipation [der Schülerinnen und Schüler] in der Schulgemeinschaft etwa durch Klassenräte, Jahrgangsstufenversammlungen, Schulparlamente und die Schülervertretung. Unser Ziel ist, die Demokratieerziehung noch intensiver und in noch mehr Schulen zu verankern.“  


Ja, super! Da steht es schwarz auf weiß: die Arbeit der Schülervertretung stärken. Das heißt eben auch, Expert*innen an Schulen einzuladen, die gerade im Feld der SV-Arbeit super kompetent sind. Und der Peer-to-Peer-Ansatz wie ihn die SV-Berater*innen und das SVB umsetzen, ist auch ein wichtiger Punkt der Demokratisierung von Schule.

„Eigentlich müsste es unser Modell oder ein ähnliches an allen Schulen geben“, wünscht sich Verbindungslehrerin Frau Wasem, „wir müssen Schüler*innen zeigen, dass ihre Meinung auch Macht hat.“
Das ist doch genau das, was ich schon einmal an anderer Stelle gesagt habe.
Aber ob sich das in absehbarer Zeit erfüllt?


Wenn ihr selbst für eure Schule ein Seminar von ausgebildeten SV-Berater*innen haben möchtet, wendet euch mit folgendem Formular ans SV-Bildungswerk.


Ihr habt Lust, euch auch mal eine Modellschule vor Ort anzusehen, um ein paar coole Projekte kennenzulernen?
Mehr Infos findet ihr auf dieser Seite. 



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