Man kann aber als Gesellschaft nicht sagen „wir machen da nicht mehr mit.“

Teil 2 des Interviews – was ist mit der Gesellschaft und ihrem Umgang mit psychischen Erkrankungen?

Im letzten Teil des Interviews habe ich mit Herr Göbel vom „unplugged“ in Mainz über seine Arbeit und Motivation gesprochen.

Ich bin richtig gespannt darauf, euch den zweiten Teil zu präsentieren. Wir haben über die Medien, die Gesellschaft und über das Schulsystem in Verbindung mit seelischer Gesundheit gesprochen. Und ganz am Ende erwartet euch noch eine persönliche Botschaft von Herr Göbel – also, viel Spaß damit!

SWA: Wir haben das Thema ja bereits im letzten Teil angeschnitten: warum wird über psychische Erkrankungen nicht so offen gesprochen wie über physische?

Göbel: Ich nehme an, dass viele Vorbehalte in Zusammenhang stehen mit dem Leistungsgedanken.
Auch mit dem Gedanken, ob jemand auch im kapitalistischen Sinne nützlich ist. Das wird anhand der Arbeitskraft bemessen. Welche psychologischen Effekte da noch darunter stehen, ist ein Stück weit spekulativ, aber ich denke, dass eine gewisse Angst damit verbunden ist, selbst mal davon betroffen zu sein.
Ob man es selbst ist, oder Leute im eigenen Umfeld, Leute, die man liebt. Durch die Vorurteile schafft man sich auch eine Abgrenzung zu sich selbst.

Ich denke dennoch, dass wir seit den letzten Jahrzehnten auf einem guten Weg sind. Die großen Psychiatrien, die draußen irgendwo auf dem Land waren, um Menschen mit psychischen Krankheiten von den „Gesunden“ zu trennen, gehören vom Konzept her der Vergangenheit an.
Wir bewegen uns nun im Bereich der Gemeindepsychiatrie, die Integration ist der Inklusion gewichen. Wahrscheinlich braucht es einfach noch eine gewisse Zeit in der diese Entwicklung weitergeht.

SWA: Warum ist es eine Schlagzeile wert, wenn Mariah Carey sich über ihre bipolare Störung äußert, aber nicht wenn ein Fußballer einen Kreuzbandriss hat?

Göbel: Das sind sehr treffende Beispiele, die zeigen, wie die Krankheiten voneinander abgegrenzt werden. Wo die Seele, die Psyche sitzt kann man ganz genau ja nicht sagen. Sicherlich weiß man, dass etwas im Gehirn stattfindet. Auch hat jeder intuitiv ein Gefühl dafür, dass die Psyche nicht nur reines Denken ist, sondern auch ein Gleichgewicht mit dem Körper besteht. Die Gehirnforschung insgesamt steckt aber in den Kinderschuhen, auch die Psychiatrie ist eine relativ junge Disziplin. Letzten Endes gibt es wohl mehr Dinge, die man nicht weiß, als die, die man weiß.

Dass gesellschaftlich von psychischen Erkrankungen oft in so einem sensationellen Sinne berichtet wird, steht sicherlich in Verbindung damit, dass zu wenig Wissen besteht. In gewisser Weise ist spektakulär, was da passieren kann. Das hat letztlich den Grund, dass man als psychisch „gesunder“ Mensch das Ganze selbst nicht nachvollziehen kann. Ich denke, dass solche Berichte wie auf der Panorama-Seite der Zeitung über etwas unheimlich Aufregendes bei vielen Menschen etwas fast Voyeuristisches bedienen, wenn damit irgendwie das Thema Psyche zusammenhängt.

So entstehen auch wieder viele Vorurteile, gerade im Bereich Gewalt. Viele Menschen gehen davon aus, dass psychisch kranke Menschen gewalttätiger sind als „gesunde“. Jede Studie hat bisher gezeigt, dass es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gibt. Ganz im Gegenteil hat man aber herausgefunden, dass Menschen mit psychischen Problemen viel häufiger Opfer von Gewalt werden als psychisch „gesunde“.

SWA: Sie haben eben diesen Leistungsgedanken angesprochen, also dass eine Art Maßstab angibt, wie „gut“ man für die Gesellschaft ist. Was muss sich ändern in die Richtung, dass es wirklich wieder darum geht, dass es den Menschen gut geht, die psychisch krank sind?

Göbel: Der Leistungsgedanke ist, denke ich, ein großes Problem, weil er oft verhindert, dass eine Person Auszeiten nimmt, die sie möglicherweise braucht.
Man kann aber als Gesellschaft nicht sagen „wir machen da nicht mehr mit“.

Die ständige Erreichbarkeit durch soziale Medien hat nochmal ein ganz neues Feld geschaffen, das Stress erzeugt. Für viele junge Menschen auch die Gefahr, abgehängt zu werden. Die Ruhephasen sind weniger. Bei psychischen Krisen ist es ganz klar: je früher man ansetzt, desto größer sind die Chancen, helfen zu können – und umso kürzer der Leidensweg.

Von daher kann eigentlich nur das Ziel sein, dass auch bei kleinen Problemen Hilfe genutzt wird. Und, dass solch ein Hilfesuchverhalten eben kein Anzeichen von persönlicher Schwäche ist. In vielen Konstellationen ist das nämlich so. Man sieht nur, da kommt jemand nicht mehr mit in der Schule, oder bringt nicht mehr die Leistung wie vorher – oder ist zu erschöpft, um sich noch mit Freunden zu treffen. Doch wenn es dann am Ende nicht klappt und in einem großen Knall endet, dann spätestens hat man die Erkenntnis: es wäre gut gewesen, das früher anzugehen.
Wir schauen, dass wir die Umstände ändern. Aber oft ist das einfach nicht möglich: die Schule ist so, wie sie ist.

SWA: Sie haben eben den schönen Satz gesagt „Schule ist so, wie sie ist.“
Man beobachtet ja auch einen Anstieg von psychischen Krankheiten bei jungen Menschen. Was läuft in dem System schief?

Göbel: Ich finde, das ist eine sehr schwere Frage, weil sie viele Bereiche betrifft, die meinen Bereich verlassen.
Ich kann aber sehen, dass in Europa und in Deutschland eine Schulbildung elementar ist, wenn man Ziele im späteren Leben erreichen möchte – einen speziellen Beruf, oder auch die Erwartung: ich möchte ein Haus haben, ich möchte Geld verdienen. Dafür muss ich einen guten Job haben, für den ich wiederum hoch qualifiziert sein muss. Dafür muss man sich jetzt einbringen. Das sind Dinge, die sehe ich jetzt als unabänderlich.

Wo ich eher Spielräume sehe innerhalb dieses Systems, ist dass Themen wie seelischer Befindlichkeit einen größeren Raum gegeben werden könnte. Auch für die Möglichkeit, darüber ins Gespräch zu kommen. Entweder passiert das durch Aktionstage, wie viele Mainzer Schulen sie bei uns nutzen. Oder auch innerhalb der einzelnen Fächer. Ob es nun Biologie ist, oder Ethik oder Religion – das kann ich nicht abschätzen. In einem Gespräch könnte es auch möglich sein, herauszufinden, ob es noch andere gibt, denen das zu schaffen macht. Die es nachts vom Einschlafen abhält, dass sie eventuell nicht alles für eine Arbeit gelernt haben oder weil Sorge besteht, es nicht ins nächste Schuljahr zu schaffen.

Lehrer, mit denen wir oft sprechen, fragen sich: „was sollen wir denn noch alles machen?“ Also, viele Lehrer machen deutlich: das bringt uns an unsere Grenzen. Möglichkeiten sehe ich darin, dass Lehrer Schüler ansprechen: „Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?“ Ob das ein Gespräch mit Eltern ist, oder Informationen einzuholen.

Die Infrastruktur die Schulen vorhalten, finde ich grundsätzlich sinnvoll. Die Schulsozialarbeit und den schulpsychologischen Dienst. Da ist eine Person zuständig für sehr viele Schüler. Manche sind überrascht, dass es das gibt – Schulsozialarbeit auch nicht an jeder Schule. Vertrauenslehrer finde ich vom Konzept her hilfreich und das ist auch ein Zugang, den viele Schüler nutzen.
Ich denke, dass diese Infrastruktur noch gestärkt werden sollte.

SWA: Super, das war es jetzt erstmal von meiner Seite. Gibt es noch etwas, das Sie unseren Lesenden mitteilen wollen?

Göbel: Ich denke, das Allerwichtigste, was ich gerne mitteilen würde ist: Krisen gehören zum Leben. Mir ist noch niemand begegnet, der wirklich in seinem Leben noch nie Probleme hatte. In vielen Fällen gehen die auch vorbei, gehören auch zum Leben dazu. Manchmal ist es eben so, dass sie über einen längeren Zeitraum da sind und verstärkt Leiden verursachen. Da denke ich, ist es gut, nicht lange zu überlegen, ob man es noch aushalten kann. Sonst geht am Ende gar nix mehr.

Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen sehr lange damit warten, bis sie sich Unterstützung holen. Aber das ist ein Recht, das jeder Mensch hat und dazu möchte ich ermutigen. Was ich hier in meiner Arbeit erfahre, ist, dass die meisten Menschen gute Erfahrungen damit machen, eigene Probleme mit anderen zu teilen.
Da wo schlechte Phasen sind, ist die Chance sehr hoch, dass sie von besseren Phasen abgelöst werden. Manchmal braucht das Hilfe. Dafür sind wir und andere Beratungsstellen da.

 

Vielen Dank für das großartige Interview, Herr Göbel. Ich wünsche dem Beratungscafé „unplugged“ viel Erfolg bei der weiteren Arbeit. Hoffentlich suchen und bekommen bald alle Menschen die Hilfe, die sie benötigen.
In diesem Sinne: bleibt aufgeweckt!
Eure Sara

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