Kopf aus – Mensch sein!

unplugged“ – Abstöpseln vom stressigen Alltag

Herr Göbel schätzt seine Arbeit im "unplugged".

Mitten in der Mainzer Neustadt, in der Leibnizstraße, finde ich das Gebäude, in dem ich heute meinen Gesprächspartner treffen soll.
Ich bin neugierig, wie die Räumlichkeiten aussehen, und gehe einfach hinein – die Tür ist offen. Es sieht unerwartet gemütlich aus und ich freue mich über das „Café“, das einlädt zu verweilen.
Aber ich bin ja für das Interview hier, erinnere ich mich. Da kommt Herr Göbel schon auf mich zu und empfängt mich freundlich. Mit ihm treffe ich mich heute, um über seine Arbeit im „unplugged“ und die Motivation dahinter zu sprechen.

 

Das Beratungscafé „unplugged“ gibt es für alle jungen Menschen zwischen 16 und 27, die in schwierigen Phasen stecken oder Fragen zum Thema seelische Gesundheit haben. Wie viele Menschen täglich kommen, seitdem es das unplugged gibt (schon 12 Jahre), kann Herr Göbel mir nicht genau sagen.
Er schätzt, dass es durchschnittlich 20-25 Kontakte täglich gibt. Einige kommen regelmäßig, andere schauen nur ab und an einmal vorbei.
Außerdem sind sie die bisher einzige Regionalgruppe des Projekts „Verrückt? Na und!“ in Rheinland-Pfalz, einem Projekt, das Aufklärung zum Thema psychische Gesundheit bietet.

So nehmen an 15-20 dieser Schultage jährlich je bis zu 30 Schüler*innen teil.
Für diese Schultage bildet das „unplugged“ auch in ihren Räumlichkeiten Menschen zu „persönlichen Experten“ aus. Als Teil der gpe (Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen) vertritt das „unplugged“ auch in Gremien die Meinungen und Themen von psychisch kranken Menschen und setzt sich dafür ein, die Hilfelandschaft zu verbessern.

 

SWA: Wie sieht der Ablauf aus, wenn ich mich zu einer Beratung hier entscheide?

Göbel: Unser standardisierter Ablauf ist, dass wir zuerst ein Infogespräch anbieten, in dem wir erzählen wer wir sind und was wir machen. Alles was danach passiert, ist offen. Einige haben einen dringenden Bedarf, denen bieten wir dann ein einzelnes Beratungsgespräch oder Beratungssequenz an. Wir begrenzen das auf sechs Gespräche. Wenn darüber hinaus Bedarf ist, gäbe es die Möglichkeit einer psychosozialen Einzelfallhilfe. Sie kommt für Menschen infrage, die von psychischer Erkrankung bedroht oder betroffen sind.
Was bei kleinen Anlässen auch häufig vorkommt, sind die „Tür-und-Angel-Gespräche“, in denen auch Rückfragen geklärt werden. Dann gibt es aber auch junge Menschen, die eher keine Beratung brauchen, sondern einen Ort, an dem sie einfach sein können.
Das bieten wir für alle an, die in unsere Zielgruppe fallen. Die offenen Angebote, die wir machen benötigen auch keine Anmeldung.

SWA: Nach was richtet sich Ihr Angebot? Wie wählen Sie das Programm aus, das Sie anbieten?

Göbel: Normalerweise gibt es Dienstag und Freitag Programmangebote – meist Kochen und Spielen. Montags haben wir regelmäßig den „Start in die Woche“ – mit gemütlichem Beisammensein, der Wochenplanung und um ein bisschen Überblick zu bekommen. Wir versuchen unsere Besucher einzubinden, soweit es möglich ist.
Dadurch wird hier ein Ort, mit dem man sich identifiziert. Wir haben eine Wunschliste für Freizeitaktivitäten, auf der sich alle eintragen können. Egal, ob das Bowlingspielen, Ausflüge oder besondere kreative Tätigkeiten sind. 

Ansonsten überlegen wir das Programm im Team, schauen dabei immer mal, ob es etwas Besonderes in Mainz gibt. Was gibt die Jahreszeit gerade her?
Und so versuchen wir, in jeden Monat ein bisschen Abwechslung zu bringen. Immer öfter können wir auch thematische Angebote machen. In der Vergangenheit haben wir das z.B. zu Stress, Schlafproblemen und dem Umgang mit psychischen Krisen gemacht. Wir behandeln das Thema seelische Gesundheit dort aber wie ich finde, auf eine recht zwanglose Art. Neben den offenen Angeboten gibt es immer wieder auch spezielle Angebote für feste Gruppen. Wie zum Beispiel ein Gruppentraining für soziale Fähigkeiten oder eine Stabilisierungsgruppe.

SWA: Was ist Ihrer Einschätzung nach die größte Hürde für junge Menschen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen?

Göbel: Gerade der Bereich Psyche ist meiner Auffassung nach immer noch stark tabuisiert. Viele Nutzer haben die Sorge, etikettiert zu werden und dann in einer Ecke zu stehen, aus der sie so schnell nicht mehr herauskommen.
Das sind Hindernisse.
Der Weg, Hilfe anzunehmen, wird dann gegangen, wenn andere das auch unterstützen. Eigentlich ist es heute durchaus möglich, offen zu sagen, dass man Burnout hat. Das ist gesellschaftlich eher anerkannt, auch weil man der jeweiligen Person zuschreibt, dass sie Burnout hat, weil sie ja vorher auch etwas geleistet hat.
Bei anderen psychischen Erkrankungen ist es meiner Meinung nach noch deutlich schwerer offen damit zu sein. Darunter zählen für mich Schizophrenie oder Psychosen generell.

Meiner Einschätzung nach ist das Gewahr werden einer eigenen Schwäche oder Hilfsbedürftigkeit eine Sache, die man erst einmal akzeptieren muss. Dann kommt der Schritt, sich Hilfe zu holen. In eine Beratungsstelle zu gehen, bedeutet ja auch zu sagen, „ich möchte eine Veränderung.“ Das birgt auch ein Risiko, wenn man nicht weiß, ob die eigene Situation dadurch besser wird.

SWA: Was glauben sie, wie stark das Umfeld auch eine Rolle spielt bei der Entscheidung, eine Beratung anzunehmen?

Göbel: Ich denke, dass das ein sehr großer Beitrag ist, wenn jemand in seinem Umfeld Menschen hat, die solche Ansätze stärken. Ob diese Art der Hilfe genutzt wird, kann von einer Antwort abhängen wie „Ja, es ist der richtige Weg, dass du dich beraten lässt.“ Menschen, die „allein“ den Weg herfinden, beschreiben oft, dass sie sich so etwas früher in ihrem Leben gewünscht hätten.

Ich denke, und das empfehlen wir auch in unseren Schulprojekten, was jeder in seinem Umfeld anbieten kann, ist, zu einem Gespräch zu begleiten oder einen Anruf zu machen. Es ist mir aber wichtig zu betonen, dass man als Partner, als Freund auch auf seine eigenen Grenzen gut achten sollte.

SWA: Es gibt Leute, die Angst haben, sich mit ihrem Zustand zu öffnen, weil es schlimmer werden könnte. Kann es wirklich schlimmer werden, wenn man darüber redet?

Göbel: Wenn jemand sagt, ich habe Angst davor, mich zu offenbaren, kann ich das nachvollziehen. Weil im ersten Moment ja noch nicht klar ist, wie mein Umfeld reagiert.
Wir sprachen schon darüber, Vorurteilen zu begegnen oder stigmatisiert zu werden. Ich würde trotzdem immer dazu ermutigen, es dennoch zu probieren.
Wissenschaftlich gesehen gibt es keinen Hinweis darauf, dass darüber zu sprechen zu einer Verstärkung der Probleme führt. Was schlimmstenfalls passieren könnte, wäre, im Gespräch zu bemerken, man ist doch nicht so eng 
verbunden wie gedacht. Was ich von Menschen hier in der Beratungsstelle mitbekomme, ist, dass dies aber eigentlich nie vorkommt, sondern es als Erleichterung erlebt wird, mit anderen darüber zu sprechen.

Sollte das im ersten Versuch mit einer Person nicht funktionieren, ist das für mich kein Hinweis darauf, dass es eine schlechte Idee war. Eher darauf, dass für dieses Gespräch vielleicht eine Fachperson hilfreich sein könnte.

SWA: Und als letzte Frage würde mich noch interessieren, was Sie in Ihrer Arbeit hier im unplugged am meisten geprägt hat?

Göbel: Schöne Momente, die immer wieder hier in der Arbeit aufkommen, sind natürlich, wenn wir sehen und zurückgemeldet bekommen, dass es jemandem in seiner Situation besser geht.
Das ist natürlich auch eine schöne Rückmeldung, zu hören, der Besuch im „unplugged“ hat seinen Beitrag dazu geleistet. Es war vielleicht genau das Richtige für die Person, jemanden zum Sprechen zu haben. Hier konnte man ihr vielleicht einen Impuls geben oder etwas Neues sagen.
Es erfreut mich auch, wenn jemand sagt, es ist zwar nicht im Wesentlichen besser geworden, aber ich habe Mittel und Wege gefunden, damit umzugehen. Irgendwie habe ich es geschafft, mein Umfeld so zu optimieren, dass ich trotz Problemen ein gutes Leben führen kann. Das ist natürlich eine Sache, die mich auch emotional berührt.

Ich denke, diese Erlebnisse sind für alle Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, ein wichtiger Antrieb. Das ist für mich Kern einer Arbeit im sozialen Bereich. Diese Rückmeldung bekommen wir immer wieder. Das ist, was uns freut: zu merken, dass wir einen nützlichen Beitrag leisten. Das erhält natürlich auch unsere Motivation. 

 

… ihr möchtet wissen wie es weitergeht?
Teil 2 dieses interessanten Interviews erscheint am 1. Mai.
Dort erfahrt ihr dann mehr über den Umgang mit psychischer Krankheit in der Gesellschaft und was Schule anders machen könnte.

Bleibt aufgeweckt!
Eure Sara 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.