„Nicht-behinderte Kinder haben ein Recht darauf, mit behinderten Kindern zusammen zu leben“ – Raúl Krauthausen

Warum Inklusion schon längst ein gegenwärtiger Zustand sein müsste

Was ist „Inklusion“ überhaupt?
[lat. „includere“: Mit-einbeziehen, einschließen]
Das Ganze klingt wie ein hochkompliziertes Fremdwort; die Idee dahinter leuchtet aber schnell ein:
Alle werden von Anfang an als eine Gruppe begriffen.
Alle sind gleich unterschiedlich, kein Mensch ist mehr wahrnehmbar „Außenseiter*in“.

Von Robert Aehnelt (Eigene Arbeit) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
In einer inklusiven Gesellschaft passt man die Bedingungen den Menschen an, nicht anders herum.

Keine*r wird mehr „normal“ behandelt, weil es keinen „Normalzustand“ gibt.
Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderung, sehr dicke oder dünne Menschen, Menschen,
die psychisch beeinträchtigt sind, Menschen in Armut, Menschen,
die das gleiche Geschlecht lieben
oder ein anderes Geschlecht haben als Mann oder Frau,
… ihnen steht genau der gleiche Platz wie allen anderen in der Welt zu.

Oft wird Inklusion mit dem Wort „Integration“ verwechselt.
Dabei heißt Integration nur, eine „andere“ Gruppe mit in die bestehende einzufügen. Die integrierten Menschen sollen sich der bestehenden Gruppe anpassen, sodass sie darin nicht mehr auffallen.

In der Schule zum Beispiel bedeutet Inklusion, dass alle auf jede Schule gehen können, mit- und voneinander lernen und dass keine äußeren Umstände sie daran hindern.

Ich glaube, Inklusion ist dann erfolgreich, wenn wir uns nicht mehr darüber unterhalten müssen.

Und warum genau ist das wichtig? Ging es nicht bisher auch irgendwie ohne Inklusion?

Klar ging es, aber das ist halt schlecht. Schließlich gab es auch mal eine Zeit, in der Mädchen nicht zur Schule gehen durften, aber das stellt heute (zurecht!) auch keine*r mehr infrage.

Außerdem ist laut UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion ein Menschenrecht. (Artikel 24)
Deutschland hat 2009 unterschrieben und ist somit seitdem daran gebunden, diese Rechte umzusetzen.

In diesem Artikel 24 steht sinngemäß, dass ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ gesichert sein muss, das Menschen mit Behinderungen ermöglicht, ihre Kreativität, Persönlichkeit und geistigen Fähigkeiten „voll zur Entfaltung zu bringen“.
Die Konvention soll Menschen mit Behinderungen „wirkliche Teilhabe an einer freien Gesellschaft“ ermöglichen.

Weiterhin steht darin, dass Menschen mit Behinderung nicht wegen ihrer Beeinträchtigung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen!
Somit müssen sie gleichberechtigten Unterricht erhalten, der genauso hochwertig und unentgeltlich ist wie für nicht-behinderte Menschen.

Es werden darin ausdrücklich Lehrmethoden gefordert, die das Lernen z. B. für blinde oder gehörlose Menschen erleichtern. Darunter fallen z. B. Brailleschrift oder Gebärdensprache.

Wen es noch nicht überzeugt, dass Inklusion ein Menschenrecht ist: Es gibt auch einige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wieso Inklusion hilfreich ist.

40,7% der Schüler*innen mit Förderbedarf in Deutschland gehen auf eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen“.
Es ist erwiesen, dass 77,2% davon ohne Schulabschluss
die Schule verlassen
.

Außerdem beeinflussen die gesellschaftliche Negativ-Bewertung und die Vorurteile gegenüber Förderschüler*innen oft die Entwicklung der Jugendlichen. Sie schämen sich vielleicht dafür,
auf die Förderschule gehen zu müssen.

Die sowieso schon gesunkene Motivation führt, zusammen mit dem „Cool-Out-Effekt“, dazu, dass der IQ der jungen Menschen fällt, statt zu steigen (das entspricht doch nicht dem, was man erwartet – schließlich werden die Schüler*innen gefördert…!?)

„Inklusion rechnet sich“ – Prof. Dr. phil. Klemm

Man könnte natürlich auch mit den Kosten argumentieren: Klar ist inklusive Bildung erstmal teurer, weil mehr Personal eingestellt werden muss, bauliche Anpassungen sowie generelle Überlegungen zur Umstrukturierung der Schulen vorgenommen werden müssen.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat die Mehrkosten für Inklusion berechnet. Wenn ab dem Schuljahr 2020/21 alle Kinder und Jugendlichen mit den Förderbedarfen Sprache, Lernen, soziale/emotionale Entwicklung und die Hälfte aller anderen Förderschwerpunktschüler*innen an Regelschulen unterrichtet würden, beträgen die Kosten für das gesamte Bundesgebiet pro Jahr 660 Millionen Euro mehr. Das macht 2% der Kosten für Schule im Jahr 2012 aus. Die Zahlen beziehen sich nur auf das Lehrpersonal.

Rheinland-Pfalz benötigte 197 mehr Lehrkräfte, die jährlich 14 Millionen an Mehrausgaben verursachen würden (wenn man von 71.000 € / Vollzeitstelle jährlich ausginge.)
Quelle: http://www.schul-inklusion.de/studie-inklusion-bertelsmann.pdf

Allerdings spart inklusive Beschulung auch ein: Sie steigert die Bildungschancen aller Kinder, was wiederum zur Entlastung der Sozialsysteme führt, wenn jene sich nicht in die Arbeitslosigkeit begeben (müssen).
Außerdem gäbe es keinen Bedarf mehr, Förderschulen weiter zu betreiben.

Es gibt eine Stelle des Deutschen Instituts für Menschenrechte, die die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention kontrolliert. Laut der Stelle widerspricht die Aufrechterhaltung der Doppelstruktur der Konvention.

Wie kann man Inklusion umsetzen?

Es gibt Menschen mit „Verhaltensauffälligkeiten“, die bisher separat unterrichtet, aber eigentlich in den Regelunterricht einbezogen werden müssten. Zu sagen: „Weil es die
nicht-behinderten Kinder stört, muss das Kind in die Förderschule“, ist Diskriminierung. Es stört die Kinder in der Förderschule vielleicht auch, nur können sie sich nicht dagegen wehren.

Das Ziel sollte doch sein, anders mit Schreien und ähnlichen Verhaltensmustern umzugehen, indem man den Personen, auf die das zutrifft, z. B. einen Ruheraum bietet.
Sie brauchen besondere Unterstützung, ja, aber niemand darf mehr sagen, dass es nicht in unserer Verantwortung liege, ihnen diese auch neben allen nicht-behinderten Menschen zu bieten.

 

© Friedrichsstadt-Palast Foto von Andi Weiland, zur redaktionellen Nutzung gekennzeichnet

Wir haben ja eben das Thema Kosten angesprochen – und natürlich werden zusätzliche Mittel gebraucht. Aber wenn wir warten, bis der Staat irgendwann mal überraschenderweise Geld übrig hat, wird es nie richtige Inklusion geben.

Die Behindertenrechtskonvention besteht schon seit neun Jahren und noch unterrichten wir in RLP 3,9 Prozent von insgesamt 5,4 Prozent der förderbedürftigen Schüler*innen an Förderschulen.

Außerdem, wie in meinem letzten Artikel schon erwähnt: Es täte gut, Schule neu zu denken. Es müssen nicht immer dieselben Arbeitsblätter mit denselben drei Schwierigkeitsstufen sein.
Es kann auch ein Ansatz sein, die Schüler*innen ein Thema selbständig erarbeiten zu lassen. In einem Spiegel-Online-Artikel wird folgendes Beispiel genannt:
Das Thema kann „Das Trojanische Pferd“ sein – die einen beschäftigen sich mit der informationstechnologischen Seite: Wie gefährlich sind „Trojaner“? Die anderen mit Kriegslist in der Geschichte, wieder andere bauen aus Holz ihr eigenes Pferd und entwickeln anhand dessen Interesse am Thema.

Gäbe es dann noch eine zweite Person, wie z. B. eine*n Förderpädagog*in, die sich nicht nur mit einem zugeteilten „Inklusionskind“ beschäftigt, sondern der ganzen Klasse zur Verfügung steht, wäre eine angemessene Betreuung und Förderung für alle Schüler*innen gewährleistet.

Auch die Digitalisierung spielt eine große Rolle, wenn zum Beispiel Apps benutzt werden können, um für blinde Schüler*innen die Texte der Online-Präsentation vorzulesen; oder Untertitel für Menschen mit Hörbehinderung anzuschalten.

Und wie läuft es in Rheinland-Pfalz? Ist Inklusion ein bald erreichter Zustand in unserem Land?

Rheinland-Pfalz hat 2014 sein Schulgesetz um das Elternwahlrecht erweitert. Außerdem wurde der „Nachteilsausgleich“ verankert, der einen fairen Vergleich der Leistungen von behinderten Menschen zu denen
nicht-behinderter zieht.

Und doch fehlt ein richtiges Konzept für die umfassende Umsetzung von Inklusion, obwohl es 120 weiterführende Schwerpunktschulen gibt.

Von den Förderschullehrkräften, die in RLP angestellt sind, sind 90% speziell für diese Schulart ausgebildet, ergab eine Pressekonferenz im Dezember 2017. Die betreffende Statistik zeigt außerdem: Es sind insgesamt 4% weniger Förderschullehrkräfte vorhanden, als es sein sollten.

Zumindest beim Thema Inklusion im Lehramtsstudium geht unser Bundesland voran: Rheinland-Pfalz hat als erstes Bundesland verpflichtende Lehrveranstaltungen in Bildungswissenschaften, Fachwissenschaften und Fachdidaktik bestimmt.

Was kann ich als einzelne Person für Inklusion tun?

Eine Haltung zu Inklusion entwickeln, um das Thema ins Gespräch zu bringen. Egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie.

Auf www.inklusionsfakten.de hat Lisa Reimann Gegenargumente zu Inklusion gesammelt und sie mit guten Argumenten entkräftet.


Außerdem kann man sich in Netzwerken für Inklusion einsetzen, wie z. B. der Aktion Mensch, Gemeinsam Leben – gemeinsam Lernen oder dem „Schule für alle – Netzwerk“.

Auch die LSV macht Inklusion zum Grundsatz. Wer sich dorthin wendet, um per Antrag auf der LSK mitzuentscheiden oder Bedürfnisse klarzumachen (wie z. B.: „Wir brauchen für unser Kreis-SV-Treffen einen barrierefreien Sitzungssaal“), hilft mit.

Für mich steht die LSV stellvertretend für die Selbstbestimmung von Schüler*innen, deshalb geht es für mich nicht zusammen, dass die Eltern über die Zukunft ihres Kindes entscheiden dürfen. Zumindest nicht uneingeschränkt oder unumkehrbar.

Das Klingeln des Weckers ist unüberhörbar

Und ich habe das Gefühl, diesmal habe ich mich vor allem selbst aufgeweckt.
Natürlich war ich schon immer gegen jede Form der Diskriminierung, aber die Lebensrealitäten behinderter Menschen waren für mich bisher immer weit weg. Ich möchte das ändern, ein guter Verbündeter für Menschen mit Behinderung sein und das Thema in die Öffentlichkeit tragen.

Bleibt aufgeweckt!
Sara

Spannende Fragen; spannende Antworten?!

 

Jetzt seid ihr dran:
Ein paar treue Blog-Lesende haben bereits die Diskussion um „Inklusion“ eröffnet: Was sagt ihr zu diesen Meinungen? Haben sie Recht, oder wissen sie nicht wovon sie reden?
Guckt es euch direkt an auf Padlet und diskutiert mit!

P.S.: Ich bin besonders interessiert an euren eigenen Erfahrungen, z. B. auf der Förder- oder Schwerpunktschule.

 

 

Klick! 🙂

Diskutiert jetzt mit!