„Ich denke, die Öffentlichkeit weiß, dass es solche Schüler gibt. Sie weiß aber nicht, wie es in solchen Schulen aussieht.“

Ein Gespräch über die Möglichkeiten von Inklusion und das Glück einer Förderschule

Mareike ist in der Tanz-AG der Schule, die nach eigener Auskunft „ziemlich gut“ ist und öfter auf dem Künstlermarkt in
Nieder-Olm auftritt.
Sie macht jetzt ihren Abschluss, den sie mit Musik und Pizza bei einer Übernachtung in der Schule feiert.
4 Jahre war Mareike Schülersprecherin.
Ich will wissen, ob es ihr Spaß macht, Interviews zu geben: „Sonst hätte ich mich ja nicht wieder aufstellen lassen, oder?“
Heute treffe ich mich mit ihr und ihrer Vertrauenslehrerin Frau Schröder, um mit ihnen über "Inklusion" zu sprechen.

 

SWA: Was haltet ihr davon, dass es Schwerpunktschulen gibt?

Schröder: Wir erfahren von Schwerpunktschulen, dass Lehrkräfte zum Teil gar nicht die benötigte Ausbildung haben. Deshalb tun sie sich schwer im Umgang mit den Förderschülern, die an ihre Schulen kommen.
Die Schüler nehmen dann zwar im Klassenverband teil, aber im Unterricht selbst „sortiert“ der Förderschullehrer sie wieder in Kleingruppen aus.

Es kommt natürlich auf die Beeinträchtigung des Schülers an.
Das heißt: Auf dem Gymnasium finde ich auch Rolli-Fahrer,
die kognitiv intelligent sind. Einem Schüler, der geistig beeinträchtigt ist, muss ich im Unterricht anders gerecht werden.

Es gibt Integrationshelfer, aber das funktioniert nur bedingt, weil die Finanzierung (wie leider immer), im Vordergrund steht.
Und wie sinnvoll ist es, dass ich eine Person für einen Schüler abstelle?

Meiner Meinung nach hat dieser Schüler dann eine Sonderfunktion in der Klasse. Ich weiß nicht, ob das vom Rest der Klasse
akzeptiert wird.

SWA: Habt ihr das Gefühl, dass Inklusion daran scheitert, dass die Lehrkräfte überfordert sind? Oder haben sie nur keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen?

Mareike: Was heißt Inklusion? Ich zum Beispiel könnte auf eine IGS gehen, aber ich glaube, wenn ich das gemacht hätte, wäre ich untergegangen.
Ich wäre heute nicht Schülersprecherin.
Da bin ich mir ziemlich sicher.

Weil andere doch fitter sind als ich, deswegen finde ich es gut, dass es solche Schulen wie diese gibt.

Hier sind in einer Klasse sieben bis neun Schüler. In der IGS sind es dann schon 15, 20, oder 25. Da hat sich die Frage wegen der Überforderung schon erledigt. Bei neun Schülern in einer Klasse kannst du viel besser auf den Einzelnen eingehen.
Wenn ich Probleme in Mathe habe, kann mir das
mein Lehrer oder meine Lehrerin viel besser erklären, wenn sie nicht gleichzeitig noch 20 andere Schüler versorgen muss. Es liegt nicht an den Lehrern, die keine Lust haben, die Klassen sind
einfach zu groß.

SWA: Ist die Klassengröße der einzige Aspekt?

Schröder: Unsere Schüler brauchen ja auch viel länger zum Lernen, deshalb haben sie ja von Grund auf längere Schulzeiten.
Auch der Personalschlüssel in der Förderschule ist natürlich höher, weil man noch den Pflegeaufwand mit drin hat. Da stellt sich zum Teil die Problematik in der Inklusion schon dar:
Gibt es die Räumlichkeiten überhaupt? Kann ich so einen Schüler überhaupt versorgen? Manche Schulen haben diesen Platz, manche aber auch nicht.

Deshalb glaube ich, dass das Thema Inklusion irgendwann auch so präsent war. Ich weiß nicht, ob der Gedanke damals war,
die Förderschulen ganz abzuschaffen, aber inzwischen merkt man, dass es so nicht funktioniert.

SWA: Was sind Vor- / Nachteile einer Förderschule?

Mareike: Mir ist es sehr wichtig, während der Schulzeit Therapie zu haben. Einmal während des Unterrichts und einmal in der großen Pause, damit ich nicht so viel Unterricht verpasse.
Das ist natürlich entlastend, dann muss ich nicht nach der Schule irgendwo noch hinfahren, um meine Therapie zu machen.

An die Schule kommt auch meine Rollstuhlfirma, falls irgendwas nicht stimmt. Das ist an einer normalen Schule nicht so.

Ehrlich gesagt, ist die Frage nach den Nachteilen schwierig für mich.

Schröder: Klar, der Nachteil ist, dass ihnen der soziale Kontakt
zu gesunden Kindern fehlt.

Mareike hat wirklich Glück, dass ihre Eltern so engagiert sind und den Aufwand betreiben, mit Mareike und ihrem Bruder, beide im Rollstuhl,
Unternehmungen zu machen.

Es gibt ganz viele Schüler, die dieses Glück nicht haben.
Denen fehlt natürlich der soziale Kontakt zu nicht-beeinträchtigten Schülern und die Erfahrung, wie es aussieht, gesund zu sein.

SWA: Was geht euch auf die Nerven im Zusammenhang mit dem Wort „Inklusion“?

Mareike: Mir geht es auf die Nerven, dass gerade Politiker Inklusion in allen Schulen wollen.
Ich wünsche mir, dass Politiker hier mal eine oder zwei Wochen
ein Praktikum machen.

Sie sollen mitlaufen und sehen, wie das hier funktioniert.
Kann das in einer normalen Regelschule so funktionieren?

Schröder: Inklusion ist für mich ein guter Gedanke, aber nur bedingt durchführbar.
Ich wünsche mir „umgekehrte Inklusion“: Man geht den Weg,
die gesunden Kinder in der Förderschule zu unterrichten. Zum Beispiel schult man die erste Klasse der Regelgrundschule hier ein.

Klar gibt es bei uns auch den Platz dafür, aber das ist ein anderes Thema. Vom Prinzip her könnte das klappen.

SWA: Wie eng ist denn eigentlich der Austausch mit Regelschulen?

Schröder: Mir fällt nur eine Sache ein, und zwar haben wir ein inklusives Sportfest, das in Kooperation mit der Grundschule hier im Ort alle zwei Jahre stattfindet.
Es gibt einen gemeinsamen Sponsorenlauf. Unsere Schüler können fahren, oder laufen, wie sie können und die Grundschule macht das auf ihre Art.

Mareike: Letztes Jahr war auch der Sponsorenlauf für diesen Arzt, der einmal im Jahr nach Afrika fliegt, um dort Kinder zu operieren. Ihm haben wir dann das Geld der Sponsoren gespendet.

Schröder: Der Arzt kommt aus Wiesbaden. Ich weiß noch,
als er das erste Mal hier war und Tränen in den Augen hatte.
Er sagte,
„Aber das sind doch eigentlich Kinder, die selbst Hilfe brauchen.“
Wir haben gesagt „Nein, Sie helfen doch noch viel Schwächeren.“
Und er war total gerührt.

Bisher hat er immer das Geld bekommen, wenn unser Spendenlauf stattfand.

SWA: Was gefällt euch am besten an eurer Schule?

Mareike: Auch wenn es gerade nicht in Betrieb ist, weil es über den Sommer saniert wird: wir haben ein eigenes Schwimmbad.
Was mir besonders gefällt, ist unser Jugendraum. Da sitzen wir Jugendlichen zusammen, um einfach in der Pause vom Lärm und Rumgetobe draußen ein bisschen abgeschottet zu sein.

Schröder: Für mich als pädagogische Fachkraft
ist es natürlich die Abwechslung.

Ich bin nicht gezwungen, bis zur Rente in einer Klasse zu bleiben, sondern ich kann den Querschnitt der Schule einfach genießen. Und viel mehr über den Umgang mit den ganzen Krankheitsbildern erfahren. Außerdem ist es schön, Fortschritte bei den Schülern und ihre Reaktionen mir gegenüber zu sehen, und sie entsprechend zu fördern. Das macht es einfach spannend.

Was fehlt euch noch an finanziellen Mitteln? Fällt viel Unterricht bei euch aus?

Schröder: Die Förderschule quält sich tatsächlich phasenweise durch und versucht zu vermeiden, dass Unterricht ausfällt. Logistisch ist das gar nicht einfach, Unterricht ausfallen zu lassen. Die Schüler werden morgens mit dem Fahrdienst abgeholt und wieder heimgebracht, ich kann gar nicht sagen, „Klasse XY hat jetzt Unterricht frei“. Wie kommen die Schüler dann nach Hause?
Das geht überhaupt gar nicht.

Was aber nicht heißt, dass die Förderschule toll besetzt ist.
Wir haben Personalmangel wie andere Schulen auch. Das trägt sich hier halt schwer, weil einfach diese ganze Grundversorgung an Pflege neben der Unterrichtsvermittlung noch hinzukommt.

Es äußert sich auch darin, dass eine Schulleitung eine Klasse führt, was eigentlich nicht sein sollte - aber es geht gerade nicht anders.

Wir dürfen uns sonst im Kreis Mainz-Bingen nur bedingt über die Finanzen beschweren, weil wir als Schule schon sehr gut ausgestattet sind.
Wir haben einen Förderverein, der viel trägt, sind aber tatsächlich auf Spenden angewiesen, vor allem um unsere Schulbusse zu finanzieren. Wie kommen unsere Schüler sonst zum Praktikum oder haben die Chance auf Ausflüge und Klassenfahrten?

SWA: Du engagierst dich ja auch in der Kreis-SV, wie optimal sind denn die Tagungsorte? Hast du das Gefühl, du kannst dich genauso gut einbringen, wie alle anderen?

Mareike: Der Raum ist in Ordnung. Was mich ein bisschen stört, ist, dass wir die einzige Förderschule sind.
Die anderen, die es noch gibt, sollte man anregen,
auch teilzunehmen, damit wir da nicht als einzige sitzen. Es ist ja nicht so, dass wir die einzige Förderschule im Kreis sind!

Natürlich muss ich dann die Themen darauf abstimmen. Momentan ist der größte Anteil die IGSen und Gymnasien,
die dann Themen bestimmen.

Einmal im Jahr könnte man aber ein Treffen mit einem anderen Schwerpunkt durchführen.
 
Bei Projekten wie der Rosenaktion halte ich mich eher zurück.
An unserer Schule würde sich das nicht lohnen,
gerade bei dem großen Aufwand.

 

Was sind so die Themen an eurer Schule selbst, mit denen ihr euch als SV beschäftigt?

Mareike: Wir haben versucht, dieses Schuljahr ein Projekt durchzuführen, bei dem wir unsere Schule vorstellen.
Irgendwie ist das im Sand verlaufen, sodass ich gesagt habe,
wir canceln das.

Schröder: Ich muss gestehen, wir Vertrauenslehrer waren böse,
weil die Idee so super war. Das es diesmal nicht geklappt hat, war eine sehr wichtige Erfahrung für unsere Schüler.

Aber es gibt schon viele Projekte. Da ging es schon um die Gestaltung des Jugendraums, oder um die Planung unseres jährlichen Osterfrühstücks.

Die Themen, die die Klassensprecherversammlung bespricht,
sind bei uns ganz andere als z. B. im Gymnasium.

Das Verhältnis zu den Betreuungspersonen ist nämlich ein ganz anderes und der Kontakt ist viel enger.

SWA: Möchtet ihr der Öffentlichkeit noch etwas mitteilen zum Schluss?

Schröder: Ich denke, die Öffentlichkeit weiß, dass es solche Schüler gibt. Die Öffentlichkeit weiß aber nicht, wie es in solchen Schulen aussieht.
 
Wir hatten ein Marktfrühstück in der Stadt, wir haben nur 10.000 Einwohner. Es gab viele, die meinten: „Ach, diese Schule
gibt es auch?“

Das heißt, ein Außenstehender macht sich darum auch nicht viel Gedanken. Ich sehe diese Schüler meist gar nicht auf der Straße, wie komme ich dann dazu, mir da einen Kopf darum zu machen?

Mareike: Vor zwei Jahren hatten wir ein großes Projekt mit Liesel Metten, daher auch der Schulname.
Frau Metten kommt aus einer Künstlerfamilie hier in Nieder-Olm, sie stellt hauptsächlich bespielbare Skulpturen her.
Der „Blindenhund“, ein aus Bronze gegossener Hund,
steht jetzt in Nieder-Olm.

Im Laufe des Projekts ist ein Kameramann auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir nicht mit ihm arbeiten wollen. Ich hab gesagt, „Gut, mach ich! Das wird bestimmt lustig.“

Schröder: „Kunst ist nicht mein Ding!“, hast du aber erstmal gesagt. 😉

SWA: Aber du hast trotzdem mitgemacht?

Mareike: Ja. Daraus wurde schließlich ein Film namens
„Die Tierliesel und ihre Kinder“, den man auf Youtube ansehen kann.

Der Kameramann, Lebensgefährte von Liesel Mettens Tochter, hat uns ein Jahr dabei begleitet, wie wir daran gearbeitet haben.
 
Dafür hat er auch mich und andere Schüler zuhause besucht. Am Anfang war ich skeptisch, aber meine Eltern meinten, ich solle es doch machen. Und dann war er bei uns und hat meinen Bruder und mich interviewt.

Ich hätte nie damit gerechnet, dass dieser Film so groß und über eine Stunde lang wird.

Schröder: Der Kameramann war sehr betroffen, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie ihr Alltag aussieht. Wir haben auch einen Schüler, der nur liegt und nur über einen Talker kommuniziert. Und das hat den Kameramann dermaßen berührt und beschäftigt, heute noch.

Herzlichen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt für das Interview, ich nehme hier viel mit. Bis bald!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. „Sara weckt auf!“ macht sich Äußerungen von Gesprächspartner*innen in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.