„Glück und Schule“ ist wie ein Fisch mit Fahrrad?


Eine Rezension zum Buch „Schulfach Glück – wie ein neues Fach die Schule verändert“

Ab Klasse 8 kann man als Schüler*in der Realschule plus Kandel das Wahlpflichtfach „Glück“ wählen. „Glückslehrerin“ ist dort Frau Gerdon, sie gestaltet den Glücks-Unterricht vielfältig:
Boxen, Kuchen backen für die Wörther Tafel, inspirierende Vorträge und Klangexperimente, auch selbst Unterrichten an einer Grundschule kommt in Frage. All dies bietet einen breit angelegten Zugang zum Thema „Glück“.

Zwei Stunden pro Woche nimmt das Angebot
im Stundenplan ein.

Das Unterrichtsfach entwickelte sich aus einer AG „Glück“,
aus ihr entstand im September 2016 das Wahlpflichtfach zunächst für ein Schuljahr. Passend, dass Frau Gerdon sich selbst stark für Persönlichkeitsentwicklung interessiert. Teambuildingspiele seien jedoch schon immer Bestandteil
ihres Unterrichts gewesen.

Danach wurden Schüler*innen und Eltern befragt, ob es das Fach weiterhin geben soll, woraufhin Schüler*innen berichtet hätten, dass ihnen der Besuch des Unterrichts etwas gebracht habe.
Also geht es jetzt weiter!

Dass das Fach „Glück“ es überhaupt geschafft hat, bis nach Kandel zu kommen, liegt bestimmt daran, dass 2007 in Heidelberg schon ein erstes Experiment damit begann.
In „Schulfach Glück – Wie ein neues Fach die Schule verändert“, erzählt der ehemalige Schulleiter Ernst Fritz Schubert von dem Bedarf eines solchen Fachs und seinen Erfahrungen mit Planung und Durchführung desselben.
Das Buch ist 2008 im Herder Verlag in Freiburg erschienen und was ich darüber denke, erfahrt ihr hier:

Disclaimer: In dieser Rezension möchte ich deutlich meine Meinung zum Buch ausdrücken, gleichzeitig aber meine Erkenntnisse aus diesem zum Fach „Glück“ darstellen. Dies ist ein Text, der ganz klar von meiner Meinung und der des Buchs gefärbt ist und nur einen Überblick bieten soll.

Fritz-Ernst Schubert leitet sein Buch mit einer Beschreibung ein, die zu Kopfnicken veranlasst.
Als Kindergartenkind gebe es nichts, was stolzer mache, als die bevorstehende Einschulung. Doch relativ schnell ernüchtere der schulische Alltag, die Träume, die man kurz zuvor
noch davon hatte.

Er lehnt sich an den umstrittenen Pädagogen Hartmut von Hentig an und fordert, dass wir „Schule neu denken“ müssen. Denn wir vermissten die Schlüsselworte „Zuversicht, Selbstbewusstsein, Freude am Lernen und Verständigungsbereitschaft“ in unseren Schulen. Hartmut von Hentig sieht diese als notwendig in seinem „Bildungsplan“.

Es ist nicht nur, dass Schule unzufrieden mache, sie ängstige sogar. Schuld daran seien unter anderem fehlendes Unterrichten von Sozialkompetenz, die Erwartungshaltung der Eltern und technischer Fortschritt.

Kleiner Exkurs 🙂

Fun-Fact: Ruut Veenhoven, Forscher an der Universität Rotterdam, hat eine Glücks-Datenbank mit unzähligen Studien zum Thema „Glück“.

Er kann die Lebensfreude befragter Personen ermitteln.
Nach seiner Berechnung ist die Weltbevölkerung als Ganzes 67,5% ihrer gesamten Zeit glücklich. Dänische Staatsbürger*innen seien 82% ihrer Zeit glücklich, in Afrika sind es 33% und wir Deutschen 72% - im oberen Bereich also.

Wie fühlt sich Glück eigentlich an?
Dopamin, ein Botenstoff wird ausgeschüttet.
Das Belohnungszentrum im Gehirn wird als angenehmes
Gefühl spürbar, das wir „Glücklichsein“ nennen.


Letztlich gehe es darum, alle Schüler*innen zu fordern und fördern, um dem entgegen zu wirken. Alle hätten persönliche Bedürfnisse und Begabungen, nicht nur geistige, sondern emotionale und auch körperliche. Bisher seien solche Bemühungen aber immer die von leidenschaftlichen Lehrkräften, die diese über ihre erwartete Leistung hinaus erbringen müssten.

Der Glücks-Plan

Ein neues Fach muss vom Kultusministerium genehmigt werden, sobald es nicht nur als AG angeboten wird.
Das Kultusministerium Baden-Württemberg war einverstanden mit der Idee, solange „Glück“ als Wahlfach und ohne zusätzliche Lehrerstunden angeboten würde.

Es wurde sich also von Schubert und Referent*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen ein Plan ausgedacht,
der in 80 Unterrichtsstunden, aufgeteilt in 5 Module,
die Lerninhalte vermittelt.
Das Ganze wird in Heften erarbeitet, dokumentiert und reflektiert und erlaubt eine persönliche Sichtweise.
Benotet werden soll anhand dieser, wie stark sich die Berufsfachschüler*innen mit dem Thema beschäftigen.

Die Hälfte des neu angekommenen Jahrgangs
wählte damals Glück, 18 von 38 Schüler*innen verblieben nach einer ersten Orientierungsphase.
Diese wurden wiederum in 2 Kurse aufgeteilt.

Die Unterrichtsmodule
In der ersten Unterrichtseinheit, „Freude am Leben“, ist die Hauptfrage: „Wer bin ich?“; weitere Aspekte bilden das Wahrnehmen und Akzeptieren der Antwort darauf.
Außerdem soll erlernt werden, die Rolle im sozialen Umfeld zu finden und wertzuschätzen, welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten jede*r mitbringt.

Es folgt die zweite Einheit, „Freude an der Leistung“, deren Schilderung mich am meisten beeindruckt hat. Es ist spannend, dass mentale Stärke ausschließlich aus sich selbst heraus kommen soll. Schüler*innen lernen dort, wie sie an dieses Potenzial gelangen.

Hier wird auch gelernt, wie Ziele formuliert werden müssen,
um die richtigen Impulse zu senden.

Wenn jemand zu dir sagt: „Denk nicht an rosa Elefanten!“,
dann passiert genau das – weil das Gehirn dann auf den Reiz „Elefant“ anspringt, nicht auf das Wörtchen „nicht“. So ist es auch mit dem Beispiel „Ich habe keine Angst“ vs. „Ich bin mutig.“

Auch das Anwenden eines Prinzips aus der japanischen Kampfkunst, des Hara-Prinzips, ist Teil davon; es sorgt dafür, dass man durch die Kraft der Gedanken „unbeugsam“ wird.


Die dritte Unterrichtseinheit „Der Körper in Bewegung“ beginnt mit Tae-Bo und geht über ins Klettern. Es geht darum, eigene Grenzen und die anderer kennenzulernen und anzunehmen, Vertrauen zu bilden. Außerdem schüttet Bewegung selbst schon Glückshormone aus.

Die vierte Unterrichtseinheit ist von der Theaterpraxis inspiriert.
Es geht darum, die Gemeinschaft weiter zu stärken. Aber auch um die Erkenntnis, dass die richtige Entscheidung nicht ausschließlich im Denken liegt, sondern dass das Bauchgefühl, die Intuition, auch helfen kann. Auch werden die Konsequenzen rationaler Entscheidungen greifbarer gemacht.

Mit erdachten Situationen, wie z. B. in Rollenspielen, kann man so beeinflussen, wie bestimmte Reize mit Emotionen und unterbewussten Handlungen („somatische Marker“) verbunden werden.

In der letzten Unterrichtseinheit wird vermittelt, ökonomisch und ökologisch einzukaufen und etwas über die Herkunft von Lebensmitteln zu lernen. Den Höhepunkt bildet das gemeinsame Kochen und Genießen des Essens in ansprechender und gemeinschaftlicher Atmosphäre.

Viele der Abiturient*innen ließen sich auf „Glück“ ein, um den Seminarkurs ins Abi einbringen zu können. Viele von ihnen profitierten auch im Alltag von den Inhalten, sodass eine Schülerin zum Beispiel das Ziel hatte, bei einem Halbmarathon mitzulaufen – und dies schaffte.

Im Seminarkurs wurde ein Projekt zum Thema „Glück“ verwirklicht, welches mit Noten bewertet wurde.

Schubert betont allerdings an den meisten Stellen des Buchs, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis darüber, wie wirkungsvoll „Glücksunterricht“ ist, bisher nicht vorliege.
Am Ende des Schuljahres erklärte sich jedoch Prof. Dr. Ernst Gehmacher bereit, einen Test durchzuführen, der den Zustand der „Glücksschüler*innen“ mit dem Zustand vor dem „Glücksunterricht“ verglich. Dafür suchte er sich eine Kontrollgruppe von Schüler*innen aus derselben Jahrgangsstufe, die nicht das Fach „Glück“ gewählt hatten.

Ich habe mir zwei Zahlen herausgepickt, die ich besonders aussagekräftig an den Ergebnissen fand:

  1. 80% der Glücksschüler*innen gaben an, Sinnhaftigkeit zu erleben, während dies nur 33% der Kontrollgruppe taten.
  2. Die Situation in der Schule wurde von 56% der Glücksschüler*innen als gut bewertet, von der Kontrollgruppe waren es nur 27%. 

Was hat sich also aus dem Lesen des Buchs ergeben?

Anfangs hatte ich sehr den Eindruck, dass der Autor vor allem für eine fortschrittlichere Schule wirbt, was mir sehr gut gefallen hat. An vielen Stellen ist er dann allerdings zurückgerudert, gerade wenn es um die Wirksamkeit dieses Fachs ging,
was, zugegeben, auch sinnvoll ist, wenn keine Fakten dazu vorliegen.

Abgesehen davon hatte ich das Gefühl, dass der Buchanfang sich sehr gut lesen lässt, weil er interessant ist und mit eigenen Erzählungen auflockert. Mich hat erstaunt, dass Schubert
es schafft, den Lesenden tiefen Einblick in „Glück“ zu geben,
ohne belehrend zu wirken.

Später dann, als es losging mit Glücks- und Wirtschaftstheorien und den tatsächlichen Inhalten des Glücksbegriffs, setzte er schon Vorwissen voraus.
Schubert schreibt fachlich kompetent, das kommt stark heraus, das geht aber leider auch mit komplizierten Zusammenhängen und Vokabular einher, sodass es an manchen Stellen sehr zäh ist und man einige Stellen öfter lesen muss.

Was mir wirklich gut gefallen hat, ist, dass das Buch an sich zusammenhängend aufgebaut ist. Gleichzeitig ist es thematisch in Kapitel aufgebaut, die man gut unabhängig voneinander lesen kann, wenn man sich zum Beispiel nur für eine konkrete Unterrichtseinheit interessiert.

Wer sollte das Buch also lesen? Eigentlich alle, die wirklich neugierig auf dieses Thema sind. Das schließt soweit niemanden aus, obwohl ich glaube, dass die Zielgruppe doch eher Lehrkräfte darstellen. Wenn man sich aber mit den Hintergründen des Fachs auseinandersetzen oder dieses sogar selbst in der eigenen Schule ausprobieren möchte, lohnt es sich auf jeden Fall!

Spannende Fragen; spannende Antworten?!


Würdet ihr euch freiwillig entscheiden, das Fach „Glück“ zu wählen, wenn es angeboten würde?
Glaubt ihr, es bringt einem wirklich etwas, in der Schule was über Glück zu lernen?
Wird man dadurch gesünder?
Könntet ihr euch vorstellen, dass das Schulfach „Glück“ auch an eurer Schule Platz findet?

Diskutiert jetzt mit!

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